Hat das klassische Ehrenamt eine Zukunft oder ist es angesichts des demografischen Wandels ein Auslaufmodell? Über diese Frage diskutierte der SPD-Ortsverein List-Nord vergangenen Donnerstag im Rahmen einer Mitgliederversammlung mit rund 30 Genoss(inn)en und Gästen. Reinhold Fahlbusch, Vorstandsvorsitzender der fairKauf-Genossenschaft, Trägerin des Fairkaufhauses in Hannovers Innenstadt, gab interessante Einblicke in die ehrenamtliche Tätigkeit im sozialen Bereich.

Fahlbusch war sein ganzes Leben lang ehrenamtlich tätig. Gerade nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben als Bankmanager sei das ehrenamtliche Engagement für ihn aber eine Möglichkeit, den „Ruhe“stand mit Sinn zu erfüllen. Ein Ehrenamt ist für Fahlbusch im wahrsten Sinne des Wortes eine Frage der Ehre. Er fühle sich in der Pflicht, der Gesellschaft etwas von dem, was ihm selbst an Positivem widerfahren sei, zurückzugeben. „Stellen Sie sich morgen früh vor den Spiegel und fragen Sie sich, ob das nicht auch etwas für Sie wäre“, ermunterte Fahlbusch die Anwesenden. Es gebe allerdings die Gefahr, dass das Ehrenamt missbraucht werde, warnte Fahlbusch, und zwar dort, wo es zum „Lückenbüßer“ für Politik und Verwaltung werde. Als Beispiel nannte er die Tafeln.

Reinhold Fahlbusch während seines Vortrags
Reinhold Fahlbusch während seines Vortrags

Viele Vereinsvertreter und Gäste brachten sich aktiv in die anschließende Diskussion ein. Vertreter aus dem Sport beklagten einen immer höheren Verwaltungsaufwand. Durch Ganztagsschule und straffe Studienprogramme bleibe Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen immer weniger Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Sie versäumten dadurch wichtige Gelegenheiten, um Schlüsselkompetenzen zu erwerben. Diese fehlten ihnen später im Berufsleben. Viele Aktive scheuten außerdem ein nachhaltiges Engagement, wollten sich nicht mehr langfristig festlegen, sondern sich nur bei kurzfristigen Aktionen engagieren. Hierauf müssten die Vereine Antworten finden.

Bisweilen drohten auch berufliche Nachteile durch ehrenamtliches Engagement, wie ein Teilnehmer berichtete. Dabei – so die einhellige Meinung der Anwesenden – könne ehrenamtliche Tätigkeit durch die Arbeitgeber gar nicht hoch genug geschätzt werden. Einige Firmen gehen hier jedoch mit gutem Beispiel voran und fördern ehrenamtlich aktive Mitarbeiter(innen). Hierzu gehöre u. a. VW Nutzfahrzeuge, wie Fahlbusch berichtete.

Reges Interesse bei der Mitgliederversammlung des SPD-Ortsvereins List-Nord zum Thema „Ehrenamt – Zukunfts- oder Auslausmodell?“
Reges Interesse bei der Mitgliederversammlung des SPD-Ortsvereins List-Nord zum Thema „Ehrenamt – Zukunfts- oder Auslausmodell?“

„Das Ehrenamt ist der Reichtum der Gesellschaft“, ist Fahlbusch überzeugt. Dennoch klingt seine Prognose erst einmal wenig optimistisch: „Das Ehrenamt wird an Bedeutung verlieren.“ Er betonte jedoch zugleich, dass der demografische Wandel auch eine Chance für das Ehrenamt sein könne, dann nämlich, wenn er die Möglichkeit biete, „die Menschen aus der Arbeit zu bringen“ und den Ruhestand mit Sinn zu erfüllen.
Wie das Ehrenamt politisch noch besser unterstützt werden kann – darüber wird sich der SPD-Ortsverein List-Nord anhand der vielen Hinweise aus der Diskussion in den kommenden Wochen intensiv Gedanken machen.